Aktuelle Ausgabe

Plätze

Erschienen: 24. Mai 2019

Editorial

Sabine Wolf 

 

Für einmal ist es tatsächlich so, dass früher alles einfacher war: als der öffentliche Raum noch als solcher ablesbar, und – was nicht nur logisch klingt, sondern auch in der räumlichen Anordnung sinnhaft ist – vom privaten Raum durch den halböffentlichen getrennt war. Heute ist es schwieriger. Zwar nehmen wir an, dass Plätze öffentliche Räume sind und damit im Besitz der Allgemeinheit – also von uns allen! –, kommissarisch vertreten durch die öffentliche Hand, die sich aus vielerlei Steuergeldern aus verschiedenen Quellen trägt. Und hier fängt das Problem an. Immer mehr vermeintlich öffentlicher Raum wird privatisiert. Umgebungsgestaltungen von Überbauungen ebenso wie «Privatstrassen» oder Plätze rund um grössere Dienstleistungsnutzungen oder Grossgewerbe: Der Novartis Campus ist ein solcher Raum, ebenso wie das Maag-Areal entlang des Gleisbogens in Zürich. Während es sich beim Campus um eine Art Spezialraum handelt, den man einigermassen bewusst als Gast betritt, ist die Umgebungsgestaltung des Maag-Areals im Rahmen der Arealentwicklung entstanden: Die Stadt hat Gestaltung, Erstellung, Unterhalt und Pflege mittels Sonderbauvorschriften Privaten übertragen (auf der Gegenseite der Waagschale bekommen diese dafür mehr Ausnützung).

Wenn dereinst alle von ihren Hausrechten Gebrauch machen und «ihren» Raum reglementieren, wird der Stadtraum zu einem unübersichtlichen Patchwork aus Regeln, Geboten und Verboten. Dann ist nicht nur der Raum nicht mehr lesbar, weil die Eigentumsverhältnisse nicht sichtbar sind, dann ist auch nicht mehr transparent, wer an welchem Ort was darf und wer was nicht. In der Tendenz schliessen diese Mechanismen die Schwächsten unserer Gesellschaft aus, weil alle anderen «nichts zu verstecken» haben und es ihnen keine Mühe macht, ständig gefilmt und auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Es klingt absurd, aber es ist ein Privileg, Kameraüberwachung nicht zu fürchten. Nicht immer können wir frei wählen, ob wir in den Augen des Staates etwas zu verbergen haben oder nicht, ob wir an einem Ort erwünscht sind oder nicht. Es ist hier wie überall: Wenn wir uns gemeinsam auch für die Schwächeren einsetzen, kommt das uns allen zugute. Wir leben in einer Solidargemeinschaft, und die Grenzen zwischen Nehmen und Geben sind mitunter fliessend. Oder können sich umkehren. Kurz: Wir tun gut daran, keine zusätzlichen Grenzen zu schaffen. Auch im öffentlichen Raum nicht. 

Ach ja, die Plätze: Sie müssen heute (wie auch früher) einer Vielzahl Anforderungen gerecht werden an Nutzung, Gestaltung und das Klima, nachhaltig erstellt, resilient und günstig im Unterhalt sein. Das Gute daran: Das haben LandschaftsarchitektInnen alles bestens im Griff – für die Fragen der Zugänglichkeit und Hoheit über den öffentlichen Raum aber sind wir als Gesellschaft gefordert.

 

 

Inhaltsverzeichnis

  • Marie Bruun Yde, Steffan Robel: Stadt ohne Autos
  • Toni Weber, David Gadola: Postplatz Solothurn
  • Patricia Lussier: Hommage an die Frauen von Montréal
  • Silvie Theus: Partizipation von Kindern und Jugendlichen
  • Mariann Künzi, Annina Baumann: Visionen für das Zürcher Kasernenareal
  • Hannes Lindenmeyer: Leben auf den Plätzen
  • Till Rehwaldt: Das Grüne Herz von Siegen
  • Lieblingsplätze
  • Yves Bonard, Julie Dubey, Marco Ribeiro: Plätze gemeinsam gestalten
  • Sophie Boichat-Lora: Ein Baumschulplatz in Lille
  • Cristina Woods: Eine Geschichte von Luft und Liebe >> Artikel
  • Jakub Szczęsny: Gustaw Zieliński Square >> Artikel
  • Pascal Posset: Oben Himmel – unten Stadt

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