Friedhöfe heute

Erschienen: 22. Februar 2007

Editorial

Bernd Schubert

 

Seit dem letzten anthos-Themenheft über Friedhöfe (4/1998) hat sich vieles verändert. Konnten wir damals noch über die Anlage neuer Friedhöfe berichten, so sind es heute vor allem Umstrukturierungen bestehen- der Anlagen.

 

Bekannte Tendenzen haben sich verstärkt, und das nicht nur in Städten und Agglomerationen, sondern auch in ländlichen Gebieten. Es gibt immer weniger Erdbestattungen und immer mehr Kremationen (in Winterthur zum Beispiel 80 Prozent), die Bestattung in Gemeinschaftsgräbern nimmt weiter zu (Zürich hat heute 16 Gemeinschaftsgräber, der Anteil dieser Bestattungsform liegt über 30 Prozent), Wald- oder Baumgräber liegen im Trend. War die freiburgische Alp Spielmannda, auf der die Asche unseres langjährigen Redaktors Heini Mathys ruht, einst etwas Aussergewöhnliches, so etablieren sich heute immer mehr private Unternehmen, die Bestattungen ausserhalb öffentlicher Friedhöfe anbieten. Man kann sich entscheiden zwischen der Bestattung auf Wiesen, an Bäumen, an Felsen, dem Verstreuen der Asche in einem See oder einfach auch im Wind. Man kann auch seine Kuscheltiere begraben lassen.

 

Hinzu kommen zunehmend die Anforderungen nichtchristlicher – vor allem muslimischer – Religionen. Etwa 10 Prozent der Stadtzürcher Bevölkerung sind Muslime, die Zahl derer, die Verstorbene in ihre frühere Heimat zurückführen, wird immer kleiner; in der Schweiz Geborene werden auch hier beerdigt. Grössere und mittlere Städte richten eigene muslimische Grabfelder ein und finden Kompromisse bei der Art der Beisetzung.

 

Der Schwerpunkt dieses Heftes liegt – der Praxis entsprechend – bei den Gemeinschaftsgräbern. Das Spektrum der vorgestellten Anlagen ist nicht nur gestalterisch vielfältig. Die Beisetzung reicht von Sammelurnen über das Vergraben der Asche im Boden, mit oder ohne Urne, bis zum Gemeinschaftsgrab für Erdbestattungen. Namen und Jahreszahlen können auf Wunsch in peripheren Stein- oder Glasplatten, Skulpturen oder Metallstangen eingraviert werden.

 

Woher kommt eigentlich – in einer Zeit gesellschaftlicher Individualisierung – der Wunsch nach gemeinschaftlicher Bestattung? Welche «Gemeinschaft» suchen wir im Grab? Die der zufällig gleichzeitig Verstorbenen? Wohl kaum. Suchen wir hier überhaupt «Gemeinschaft»? Oder lösen wir uns nicht geradezu aus dieser heraus – aus den traditionellen sozialen Strukturen? Liegen die Gründe also im Zerfall der Familien, in der fehlenden Ortsverbundenheit, im Verlust kirchlicher Bindungen, in einem rituellen Vakuum? Oder suchen wir einfach nur die ökonomisch günstigste Lösung? Es gibt viele unbeantwortete Fragen. Auch die, ob dieser Trend wirklich anhalten wird.

 

So stellt sich schliesslich die ganz grundsätzliche Frage, welche der heute erkennbaren Entwicklungen sich in einer überschaubaren und planbaren Zukunft fortsetzen werden. Haben wir es auch weiterhin «nur» mit Veränderungen innerhalb unserer heutigen Friedhofsstrukturen zu tun? Oder müssen wir nach ganz neuen Formen suchen?

 

Inhaltsverzeichnis

  • Erweiterung des Friedhofs Rickenbach ZH
  • Umfrieden - Friedhofserweiterung Weiach
  • Mystischer Hain
  • Gräber-Denkmalschutz und Nutzungsrecht im Kanton Zürich
  • Bestattung von Nichtchristen > zum Artikel
  • Der Israelitische Friedhof «Au Bois de Cery»
  • Ein neues Gemeinschaftsgrab für Bolligen
  • Trauer und Trost - Neue Gemeinschaftsgräber in Zürich > zum Artikel
  • Asche zu Asche - Gemeinschaftsgräber in Nunningen und Duggingen
  • Gemeinschaftsgrab für Erdbestattungen in Bern
  • Neue Gemeinschaftsgräber im Appenzellerland
  • Friedhöfe für eine neue Gesellschaft - drei Beispiele aus den Niederlanden
  • Parco della Memoria, Mailand > zum Artikel
  • Die Totenwelt Japans
  • Friedhöfe für Kuscheltiere

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