Erinnerung & Archive

Erschienen: 25. Mai 2012

Editorial
Sabine Wolf

Polaroid-Fotos, Notizen, Tätowierungen. Fragmente, Bruchstücke, Impressionen. Wegweiser, die Leonhard Shelby in Christopher Nolans Film «Memento» nutzt, um die Puzzleteile seines Lebens wieder zusammenzufügen. Ohne Erinnerungen sind wir losgelöst von Raum und Zeit, Erinnerungen sind unsere Scharniere zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Gebunden an Gegenstände können sie aufbewahrt und immer wieder neu interpretiert werden; die materiellen Zeugen lagern in Museen, Bibliotheken und Archiven.
Erinnerungen binden sich jedoch nicht nur an Gegenstände, sondern auch an Orte. Die Strassenkreuzung des ersten Kusses, die Rütli-Wiese am Vierwaldstättersee, die die Schweizer Geschichte wie keine andere prägte oder der Garten der Grossmutter in Graubünden sind Einschreibungen in die Landschaft, die einen Bezug zur Vergangenheit leisten. Während individuelle Erinnerungsorte nur einen kleinen Wirkungskreis haben, tragen Orte der kollektiven Erinnerung, häufig inszeniert mit Denkmälern und Schautafeln, Zeremonien und Feiertagen zur Konstruktion und Festigung der offiziellen Geschichte einer Gemeinschaft bei.
Orte, deren einstige Bedeutung und Funktion verloren ging, vermögen ein Gedächtnis auch über Phasen kollektiven Vergessens hinweg zu bewahren. Sie können später – bei erwachtem Bedarf – reaktiviert werden. Für die gestalterische Aufgabe müssen sie jedoch von Landschaftsarchitekten und -planern entziffert, gelesen und interpretiert werden können. André Corboz hat das Bild der Landschaft als Palimpsest geprägt, in das sich Geschichte Schicht um Schicht einschreibt; Vergangenes in die Gegenwart durchdrückt oder die Gegenwart Vergangenes überlagert und auslöscht. In der Praxis geht es hierbei nicht nur darum, Spuren sichtbar zu machen, sondern auch einen Kontext (wieder)herzustellen.
Aber auch Landschaft und Landschaftsarchitektur selbst sind Gegenstand von institutionalisierten Gedächtnisorganisationen. Beim genaueren Hinschauen auf die Schweizer Archivlandschaft zeigt sich eine erstaunliche Fülle an Institutionen und Sammlungen mit für die Landschaftsarchitektur und -planung relevanten Beständen. Viele von ihnen sind noch wenig bekannt und es gibt keine übersichtliche Zusammenschau. Mit dieser Ausgabe machen wir einen Anfang: Auf den Seiten 46 bis 63 haben wir die «Gelben Seiten» mit Archiven und Sammelinstitutionen zur Schweizer Landschaftsarchitektur und -planung in kurzen Steckbriefen zusammengetragen. Schliesslich war der ursprüngliche Auslöser der Ausgabe das 30-jährige Jubiläum des Schweizer Archivs für Landschaftsarchitektur (ASLA) an der Hochschule in Rapperswil. anthos gratuliert!
Wir danken allen an der Ausgabe Beteiligten herzlich für die Zusammenarbeit.

 

Inhaltsverzeichnis

  • Annemarie Bucher: Die Landschaft als Archiv > zum Artikel
  • Susanne Karn, Beatrice Nater und Bernd Schubert: 30 Jahre Archiv für Schweizer ­Landschaftsarchitektur
  • Cornel Doswald: Ein lebendiges Archiv der Verkehrsgeschichte
  • Sabine Wolf, Nicole Graf: Wie archiviert man Landschaft?
  • Olivier Lasserre: Plätze, Orte der Erinnerung
  • Marcus Cordes: Anwesendes Erinnern
  • Sophie Gräfin von Maltzan: Erinnerungslandschaften?
  • Gudrun Hoppe: Regionale Spezialitäten fördern!
  • Johannes Stoffler: Einen Garten erinnern
  • Sebastian Sowa: Zur Ästhetik von Ruinen: eine Prognose für die Zukunft
  • Lorenz Dexler, Thilo Folkerts: Erinnerung übertragen –
    Weltkulturerbe Kloster Lorsch > zum Artikel

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