Poesie

Erschienen: 25. November 2011

Editorial
Sabine Wolf

 

Die Poesie der Landschaft

 

Von Zeit zu Zeit eine Strasse beobachten. Sich dieser Beschäftigung mit voller Aufmerksamkeit widmen. Sieht man, was erwähnenswert ist? Sich einer Landschaft hingeben. Sich dazu zwingen, oberflächlicher zu sehen. Ein Stück Landschaft entziffern. Hineinlauschen in den Ort. Weitermachen. Bis er unwahrscheinlich wird. Die Augen schliessen und die Landschaft mit allen Sinnen aus der Erinnerung beschreiben. Jede vorgefasste Meinung verjagen. Dem Raum den Ort entreissen.

So könnte, frei nach Perec, eine Handreichung zur Annäherung an die Poesie der Landschaft aussehen.

Die Poesie gilt, auch ihrem Wortursprung her, der Erschaffung einer besonderen Qualität, einer sich der Sprache entziehenden Wirkung. Bildgewordene Emotion. Stimmungsgehalt und Zauber. Der Poesie der Landschaft erlagen nicht nur die grossen literarischen Poeten – von Goethe über Rousseau, von Hesse bis Hölderlin –, sie bildet auch einen bedeutenden Teil unserer Identität (und lässt sich deswegen auch so gut vermarkten: «Mehr Zeit für echte Glücksmomente», Ferienregion Heidiland). Die Arbeit von Landschaftsarchitekten und -planern als Gestalter und «Erschaffer» der Landschaft ist dabei zentral. Vielleicht sollten wir uns dieser besonderen Relevanz unserer Profession in allen Phasen des Entwurfs- und Realisierungsprozesses von Projekten gelegentlich bewusster werden.

Aber ist Poesie überhaupt plan- und umsetzbar? Entsteht sie nicht viel eher durch die Besonderheit des Moments, durch die dem Ort gegebene Geschichte und Bedeutung? Kann es eine universelle Poesie geben?

In der Wahrnehmung von Landschaft ist der Betrachter Konstrukteur. Und so geht es auch im Kontext von Poesie und Landschaft um Fragen des Blickwinkels und damit um den Mensch. Sein Vorwissen, seine Erfahrung und kulturelle Prägung bestimmen, was er zu sehen und wahrzunehmen in der Lage ist – und mithin auch, was er als poetisch empfindet. Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich der Landschaft und ihren Orten auszusetzen und zuzulassen, dass sie Emotionen wecken. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich auch der – scheinbare – Dualismus von Poesie und Alltag überwinden: durch einen bewussten Blick und eine wahrnehmende Offenheit.

Die weise Susan Sontag schrieb einst, Schönheit wohne nicht in den Dingen, sondern offenbare sich durch eine besondere Sehweise. So ist es auch mit der Poesie. Bei schlechten Projekten aber kann man sich noch so sehr um eine besondere Sehweise bemühen und wird ihre Poesie nicht spüren.


Inhaltsverzeichnis

  • Albert Kirchengast: Die Ferne des Gartens > zum Artikel
  • Paolo Bürgi: Eine nacherzählte mediterrane Landschaft
  • Lukas Schweingruber, Dominik Bueckers: Die Poesie des Unsichtbaren – ein Park in Uster
  • Lorenz Dexler, Martin Rein-Cano: THE BIG DIG
  • Bernard Lassus: Der Brunnen
  • Laurent Essig: Die versteckte Seite der Schweiz
  • Michel Péna: WEIHER-WOGE-WOLKEN > zum Artikel
  • Bruno Vanoni: «Die Landschaft stört mich beim Denken.»
  • Christiane Sörensen: Grenzüberschreitung
  • Sabine Wolf: Landschaft aufladen
  • Gabi Lerch: Kamelbuckel in der Megacity
  • Anouk Vogel: Vondel Verses
  • Thilo Folkerts: Jardin de la Connaissance
  • Clà Riatsch: Ode an die Arve

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